Verantwortung

(Lesedauer ca. 3 Minuten)

Je mehr Gesetzlichkeit, um so weniger Gesetzmäßigkeit.
Gesetzlichkeit begräbt Gesetzmäßigkeit.
(Laotse im Tao Te King, Verse 16 und 17)

Verantwortung tragen meint nicht, sich an Regeln und Gesetze zu halten. Gesetzestreue ist das Gegenteil von Verantwortung. Gesetze werden gemacht, damit niemand Verantwortung trägt, sondern sich jeder an die Regeln hält. Zwar wird das dann die „Verantwortung vor dem Gesetz“ genannt. Das ist aber zweifelsohne eine sprachliche Verhüllung des Tatbestandes, die George Orwell „Neusprech“ genannt hätte.

Das Denken aufgeben …

Wenn man Gesetze befolgt, kann man das Denken aufgeben. Es ist ja aufgeschrieben, man muss es nur befolgen. Richter sprechen das klar aus: „Sie haben nicht zu denken, sondern sich an die Verordnung zu halten!“ Wer sich nicht an das Gesetzt hält, wird im Sinne des Gesetzes zurecht bestraft.
Denken meint hier die Fähigkeit, ein eigenes Urteil, eine eigene Bewertung zu finden. Dies ist eine grundlegende Qualität des Menschseins. Maschinen machen das anders: Sie halten sich an (Rechen-)Regeln.

… oder Verantwortung tragen

„Du musst Dich vor dem Gesetz verantworten“? Das bedeutet doch wohl, dich vor dem Gesetzt zu rechtfertigen. Vor dem Gesetzt bist Du nicht verantwortlich, sondern schuldig oder unschuldig.

Verantwortung ist da etwas ganz anderes. Sie lässt sich nicht in Gesetze gießen. Adolf Eichmann hatte sich 1961 im Prozess gegen ihn darauf berufen, immer gesetzestreu gehandelt zu haben und alle Vorschriften regelkonform beachtet zu haben, und genau deswegen keine (Mit-)Verantwortung an den Folgen seiner Taten zu tragen. Hannah Arendt meinte damals als Beobachterin, dass er mit dem verantwortlichen Denken das Menschsein aufgegeben habe. Er ist zu einem Teil einer Maschine geworden.

Verantwortung ergibt sich aus dem Leben oder dem Lebensvollzug oder aus der Lebendigkeit. Verantwortung ist das, was im dem Augenblick ist, wenn ich etwas tue oder nicht tue. Ich antworte mit meinem Tun oder Nicht-Tun auf das, was gerade geschieht oder nicht-geschieht. So geschieht Verantwortung und Selbstverantwortung.

Impulse

Woher kommt der Impuls? Man kann nur soviel sagen, dass wir voller Impulse sind, wir selbst Impuls sind. Leben ist Impuls. Wenn wir uns fühlen und lebendig sind, sind wir all unsere Impulse. Dann wurde uns beigebracht, bestimmte Impulse, ein bestimmtes Tun für richtig zu halten. Das soll uns die Möglichkeit verschaffen, in unserer Kultur zurecht zu kommen. Also müssen wir wohl oder übel lernen, was richtig und was falsch ist -nach den Regeln und Gesetzen, die das festlegen.
Allein, es gibt keine belastbaren Massstäbe, um das Richtige oder das Falsche zu erkennen. Es ist alles eine Frage der Betrachtung. Der Tyrann wird es sicher als falsch ansehen, wenn er ermordet werden soll. Der Attentäter sieht es als richtig an. Wer hat recht? Wer kann es wissen? Wer kann ahnen, welchen Folgen welches Handeln hat? Aus jeder Tat kann sich ein unentwirrbarer Strang an Folgen entfalten. Wie in der Geschichte vom chinesischen Bauern. Es bleibt beim Tun, beim momentanen Verantworten unklar, ob es richtig oder falsch ist, es kann in der Tat nie fest gelegt werden.

Ein Freibrief für Zügellosigkeit?

Zügellosigkeit erscheint mir als Aufbegehren gegen Regeln. Manchmal wird Wut ausagiert, manchmal zu enge Regeln in einem Akt der Befreiung aufgebrochen. Rasch kann man aber erkennen, das solches Handeln nicht zur Erfüllung führt. Zumindest, wenn man hinschaut. Und das ist ein Problem. Wir schauen nicht hin, wir schauen nicht genau hin. Die Regeln und Gesetze ermöglichen uns ein bequemes Leben, ohne hinschauen zu müssen. Hinschauen, Verstehen, das macht Verantwortung so anstrengend. Zügellosigkeit, die ganz offensichtlich die Anstrengung des Hinsehens scheut, ist damit ein anderer Gegensatz zur Verantwortung und verantwortlichem Folgen der eigenen Impulse.

HInsehen und die Gesetzmäßigkeit des Seins erkennen

Laotse empfiehlt, zu sehen und die Gesetzmäßigkeit des Lebens zu entdecken. Einfach wahr zu nehmen. Sich Zeit dafür zu lassen, zu sehen, dass alles in ein Werden und Vergehen eingebunden ist. Das aus dem Nichts wieder das All wird. Und dass es eine tiefe Verbundenheit mit allem und allen bewirkt, das zu sehen.

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