Lebendigkeit und Gefühle

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Lebendigkeit gibt es nicht ohne Fühlen. Wie hängen verschiedene Gefühlsqualitäten mit Lebendigkeit zusammen? Wie fühlt sich Lebendigkeit an? Wie machen wir Unterschiede in unserer Lebendigkeit?

Vor kurzem kamen wir in einer Gruppe auf das Thema Lebendigkeit. Die meisten Menschen wollen sich lebendig fühlen. So natürlich auch in dieser Gruppe. Dabei haben wir uns Gedanken gemacht, wie die vielen unterschiedlichen Gefühlsqualitäten mit Lebendigkeit verbunden sind. Dass wir lebendig sind, daran kann ja kein Zweifel bestehen. Aber dass sich das Leben unterschiedlich lebendig anfühlt, dass ist auch allen klar.

Vita minima

In meiner psychiatrischen Ausbildung haben wir in der Klinik Menschen behandelt, die so krank waren, dass deren Lebendigkeit auf ein Minimum geschrumpft zu sein schien. Zumindest war das der Eindruck, der wir von außen hatten. Wie die innere Welt dieser Patienten – oft mit einer sehr schweren Form einer Psychose – aussah, hat sich dabei nicht nach außen vermittelt. Wir sprachen dann auch von einer „Vita minima“: diese Patienten waren körperlich eingeschränkt, es fehlte ihnen an einer Anmut und einem lebendigen Ausdruck. Die Grundfunktionen wie Essen und Schlafen waren meist erhalten. Die Einschränkung in der Lebendigkeit drückte sich im Mangel an Interessen, Neugier, Wachheit in den Augen, Vielfalt des Gefühlsausdrucks, Körperbewegungen usw. aus. Oft konnten wir beobachten, wie unter der Therapie die Lebendigkeit zurückkehrte. Manchmal berichteten sie dann von dem „Gefühl der Gefühllosigkeit“, das sie am meisten einschränkte.

Vita maxima?

Gefühle können einen sehr expansiven Ausdruck annehmen. Das kann sich dann ganz schön lebendig anfühlen. Zum Beispiel eine starke Eifersucht, mit allen dramatischen Auswirkungen: Schreien, Weinen, Hass- und Racheaktionen, Gewalt. Aber wie lebendig ist das? In den Begriffen, die ich mir davon mache, ist die Lebendigkeit hier eher eingeschränkt.

Gefühle, die den lebendigen inneren Kern verbergen sollen

Gefühle, die dazu da sind, das Innerste nicht zu spüren, legen sich wie eine Schutzschicht über den Kern. Dazu zählen Gefühle wie Eifersucht, Neid, Hass, Vergnügen im Sinne einer gemachten Fröhlichkeit, hysterische Ausdrucksformen aller Art. Der Sinn ist, den Kern, die sensibelste, (vermeintlich) verletzlichste Stelle in uns, zu schützen und damit Schmerz abzuwehren.

Kerngefühle

Darunter liegen dann Gefühle, die unmittelbar aus der Lebendigkeit heraus blubbern, wie unmittelbare Freude, Liebe, Traurigkeit, Verlassenheit. Manches davon ist ja ganz schön. Die Gefahr liegt dann oft darin, dass diese Gefühle oder ihr Ausdruck von anderen missachtet oder verachtet werden. Wer das erlebt, kann in sich fühlen, wie sich etwas zusammenzieht, zurückzieht, sich nicht mehr zeigen mag.

Ein Bollwerk gegen die Ohnmacht

Das kann man gut bei kleinen Kindern beobachten, wenn deren unmittelbarer Ausdruck von Gefühlen nicht liebevoll beantwortet wird. Sie ziehen sich emotional zusammen und zurück – und legen eine Schicht von Schutzgefühlen – abwehrende Gefühle – darüber. Der Schmerz der Traurigkeit wird abgewehrt und damit ein wenig kontrolliert, ein Gefühl von z.B. Eifersucht oder Neid wird das Bollwerk dagegen. Das fühlt sich zwar nicht richtig gut an, ist aber besser als das ursprüngliche Gefühl. Es fühlt sich nicht gar so schutzlos an, es fühlt sich nicht so ohnmächtig an. Eigentlich sind abwehrende Gefühle Strategien gegen Schmerz.

Lebendigkeit im Ausdruck der innersten Gefühle

Ich betrachte die Kerngefühle als den größeren Ausdruck von Lebendigkeit. Sie fühlen sich nicht so zusammengezogen und verknotet an. Wenn Patienten zu diesen Gefühlen gelangen, sie spüren, sie da sein lassen, dann kann dabei zusehen, wie sie offener, strahlender, authentischer, unmittelbarer werden und da sind. Sogar in mir, als Begleiter, wenn ich mitschwinge, führt das zu einer inneren Weite, zu mehr Zugang zu Lebendigkeit. Das lässt sich körperlich fühlen.

Zu sich stehen

Es fühlt sich ausgesprochen lebendig an, zu sich zu stehen. Direkt und unmittelbar mit dem, was in einem ist, da zu sein, und sich nicht damit zu verstecken. Das ist ein wunderbares Gefühl von Öffnung. Wenn das in der Gruppe passiert, ändert sich etwas im Raum, alle reagieren darauf. Es entfaltet sich Leben und Lebendigkeit, die viele verschiedenen Gefühle schwingen lässt. Was vorher noch depressiv und schwer war, oder auch hysterisch-aufgesetzt, macht dann Platz für alle möglichen traurigen und heiteren Gefühle, oft gleichzeitig und auf eine wunderbare Weise leicht. Wenn die abwehrenden Gefühle probeweise aufgegeben werden, probeweise und mutig die Kerngefühle gespürt werden, dann tut sich der ganze Zauber der Lebendigkeit auf. In der Gruppe wundern wir uns dann oft, wie es sein kann, dass wir bei so schweren Themen manchmal zu einer unmittelbaren Freude und Heiterkeit gelangen, die die Traurigkeit gar nicht weg macht, sondern harmonisch daneben besteht.

Ersatzgefühle

Schon seit den 1950er Jahren haben Soziologen und Psychologen beklagt, dass Vergnügungen als Ersatz für unmittelbare Freude gesucht und verkauft werden. In unserer Gesellschaft verfallen wir Unterhaltung und emotionalen Kicks. Viele haben ein Sensation Seeking Behavior, um der inneren Leere zu entgehen. Es ist wie eine Sucht. Der Grat zu lebendiger Neugier und Entdeckerfreude – die es sogar in Vergnügungsparks gibt! – mag schmal sein, ist aber oft gut zu erkennen. Mit dem Zugang zu den Kerngefühlen kommt Leere gar nicht auf. Ich kann mich erinnern, dass ich nach stundenlangen Zen-Sessions ohne jede Bewegung aber in unmittelbarem Dasein die größte Lebendigkeit gefühlt habe, einfach, weil keine abwehrenden Bewegungen einsetzten.

Vom Schmerz zum Selbstwertempfinden

Ich verstehe natürlich gut, dass man Schmerz nicht fühlen mag. So kann ich auch die ganzen abwehrenden Strategien gut nachempfinden: abwehrende Gefühle, Suchtmittel, Vergnügungssucht und und und. Nun kann man aber nicht Schmerzgefühle abwehren und vollen Zugang zu den „guten“ Kerngefühlen haben. Das Bollwerk dichtet alles gleichermaßen ab. Wer zu größerer Lebendigkeit gelangen mag, vielleicht, weil er ahnt, dass da noch etwas ist, oder Erfahrungen mit dem Durchbruch von der Lebendigkeit der Kerngefühle hat, der kommt nicht darum herum, alle Gefühle, wie sie nun mal da sind und wie sie sich ständig verändern, wahr- und anzunehmen. Sie vollständig anzuerkennen. Und plötzlich kommt da eine Selbstannahme, ein tiefes Selbstwertempfinden, in dem Scham und Schmerz dahinschmelzen wie Schnee in der warmen Sonne. Schön, wenn das spontan entsteht. Oder in tiefer Selbstachtsamkeit. Oder auch unterstützt in der Psychotherapie.

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