„Ach so, ich mache das!“ – Radikale Selbstverantwortung

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Veränderung im Leben ist möglich. Was es braucht, ist eine genaue Wahrnehmung für das, was ist, und was ich selbst mache. Der Rest geschieht dann wie von selbst.

In den letzten Wochen stelle ich meinen Patienten wiederholt die Frage: Wie machst Du das? Also z.B. „wie machst Du Dich traurig?“

Eine überraschende Frage

Diese Frage macht zumindest stutzig oder sogar ärgerlich. Wir nehmen nämlich in der Regel gar nicht war, was unser Zutun zu unseren Gefühlen ist, sondern halten die Gefühle für unbeeinflussbare Naturereignisse. „Wie, was ich da mache! Gar nichts mache ich. Das ist doch völlig normal, dass ich da traurig werde. Das mache ich doch nicht selbst!“

Der eigene Beitrag

Ich meine, wenn man genau hinschaut, kann man sehen, was der eigene Beitrag zu dem beklagten Gefühl ist.

„Bedenke: Nicht wer dich beschimpft oder dich schlägt, verletzt dich, sondern nur deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, so wisse, dass es deine eigene Vorstellung ist, die dich gereizt hat.“

Epiktet (ca. 50 – 138 n. Chr.)

Wir besprechen ein Thema in der Gruppe – z.B. Ängste, und jemandem laufen die Tränen. Das Gefühl, dass sich in den Tränen ausdrückt, ist – so finden wir heraus – Traurigkeit. Dann kommt meine Frage: „Wie machst Du Dich traurig?“

Nach genauem Nachforschen erkennen wir, dass da ein Gedanke von dieser Art war: „Ich schaffe das nicht.“ Noch genauer hingeschaut entpuppt sich dieser Gedanke als eine verkappte Abwertung: „Ich bin einfach zu blöd, das zu schaffen!“

„So also machst Du Dich traurig!“

Dann können wir nämlich erkennen, dass es die eigene Selbstabwertung braucht, damit die Traurigkeit entsteht. Im weithin bekannten Modell des „Inneren Kindes“ kann man das so beschreiben: Der innere Elternteil zeigt mit dem Finger auf das Kind und sagt in verächtlichem Ton: „Du bist ja so blöd!“ Und das Kind wird traurig.

Selbstabwertungen, die wir nicht erkennen

Und das machen wir mit uns. Ein „Ich kann das nicht“ und ein „ich schaffe das nicht“ sind keine wissenschaftlichen Beschreibungen, sondern Abwertungen in eigener Sache. Und wir merken das nicht einmal. Aber sie wirken!

Der lichte Erkenntnismoment der Veränderung

Wenn man jetzt merkt, dass man das selbst so macht, man selbst sich selbst abwertet, niemand anderes beteiligt sein muss, und dass dieser innere Prozess traurig macht, dann kommt ein lichter Moment. Es ist ein friedlicher Erkenntnismoment, in dem die negativen Gefühle stoppen und man klar und frei sieht, was passiert. „Ach so, ich mache das!“ Ohne Abwertung. Ohne Selbstabwertung. Die Traurigkeit ist für einen kurzen Augenblick weg. Ein richtiger sweet spot. Das kann ich dann als Begleiter als deutliche Veränderung sehen, jeder kann das im Gesicht des Gegenüber sehen. Einfach wunderbar!

Meist kehrt das problematische Gefühl rasch wieder zurück, denn die Macht der Gewohnheit ist überwältigend. Sofort nämlich wenden wir die bekannte Methode der Selbstabwertung nun auf diesen letzten Schritt an: „Ich bin ja so blöd, dass ich mich auf diese Weise traurig mache!“

Darüber lachen…

Wenn ich dann darauf hinweise, dass das gleiche, was zum ersten Problem geführt hat, jetzt gerade wieder passiert, und das Erkennen wieder geschieht, müssen schon recht viele Leute lachen. Es kommt Humor dazu, ein echtes Lachen über die witzige Art, wie wir unser Leben, unsere Gefühle konstruieren. Erstens zu unserem Nachteil und zweitens ohne es zu merken, so dass wir die Verantwortung nur allzu gerne den äußeren Umständen und den anderen Menschen zuschieben. Ein weiterer lichter Erkenntnismoment.

…und Veränderung geschieht von alleine

Wenn man diesen Prozess ganz genau beobachtet, muss man nichts mehr ändern – es ändert sich von alleine. Gerade so, wie ich nichts tun muss, als zu erkennen, dass ich es selbst war, der mir den Hammer auf den Daumen geschlagen hat, um ohne Umschweife es so zu verändern, dass es nicht mehr passiert. Ein ganz natürlicher und harmonischer Veränderungsprozess ohne „ich muss endlich“, „warum habe ich noch nicht“ usw..

„Anytime you have a negative feeling toward anyone, you are living in a illusion. There’s something seriously wrong with you. You’re not seeing reality. Something inside of you has to change. But what do we generally do when we have a negative feeling? „He is to blame, she is to blame. She’s got to change.“ No! The world is all right. The one who has to change is you.“

Anthony de Mello (1931 – 1987)

„Die Welt ist zum Kotzen!“

Neulich hatte ich in verschiedenen Sitzungen verschiedene Menschen mit dem gleichen Klagelied: „Die Welt ist zum Kotzen!“

„Wie machst Du die Welt dazu – also zum Kotzen?“

Die Antwort ist meist von Empörung getragen: „Gar nichts mache ich, die Welt ist einfach ungerecht und die Politiker sind unfähig!“

Radikale Selbstverantwortung und Anerkennung des eigenen

Hier kann man das gleiche anwenden: Genau hinsehen, wie ich das Gefühl konstruiere. In einer Art radikaler Selbstverantwortung kann ich dann sehen, dass ich jede Menge negativer Gedanken in mir trage, viele davon mir selbst gegenüber. Wie z.B. in dem Fall, in dem wir entdeckt haben, dass jemand eine Menge Antipathie in sich trägt (und sich selbst wiederum dafür abwertet). In dem Augenblick, in dem es absolut kein Problem ist, Antipathie zu haben, hört man auf, die Welt zum Kotzen zu machen. Dann hat man eben Antipathie, dann hat man eben jedwedes Gefühl, das man eben hat, jedweden Schatten, den man in sich entdeckt. Wenn das alles sein darf und anerkannt wird, ist die Welt nicht zum Kotzen, sondern ein Ort, in dem man sich kreativ bewegt.

Kein Opfer sein

Und das schließt ein, dass man die Welt verändert, wo man mag und kann. Dann tanzt man menschlich durch diese Welt, ohne ihr Opfer zu sein. Denn die Welt ist „all right“. Auch wenn und weil man sie verändert und gestaltet.

Und wenn sich jemand fragt, woher ich denn diese Erkenntnisse nehme: Ich kenne – wie noch 2 oder 3 Menschen in Mitteleuropa – jedes dieser Gefühle und Haltungen (Traurigkeit, die Welt ist zum Kotzen) bestens aus eigener Anschauung und übe mich im Hinschauen…

(Ähnliches beschreibt dieser Beitrag und eine andere Übersetzung des Zitats von Epiktet findet sich hier.)

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