Begehren und Bedürfnis

(Lesedauer ca. 2 Minuten)

Was ist der Unterschied zwischen „begehren“ und „haben wollen“?
Was ist der Unterschied zwischen „haben wollen“ und „wünschen“?
Was ist der Unterschied zwischen einem Bedürfnis und einem Begehren?

Begehren oder ein Bedürfnis haben?

Wenn ich durstig bin, begehre ich dann Wasser? Ich würde eher sagen: mein Organismus hat ein Bedürfnis nach Wasser. Ich kann einen Unterschied zwischen Bedürfnissen und Begehren erkennen: Es käme mir nicht über die Lippen zu sagen „Ich begehre Wasser“, wenn ich durstig bin. Dagegen könnte ich das Grundstück mit der Quelle begehren…

Begehren meint Besitzen wollen

Denn Begehren und Verlangen beinhaltet „ich will das besitzen, sonst kann ich nicht glücklich werden“. Das Glück (was immer das in diesem Zusammenhang dann sein soll….) kommt beim Begehren von dort, wo der Besitz ist, oder wo man etwas in Besitz nehmen mag.

Wenn ich aber durstig bin, möchte ich einfach Wasser trinken. Ich habe keinen Bedarf an Besitz. Das Glück kommt hier aus dem Sein. Es ist ein zufriedenes Dasein, wenn der Durst gestillt ist. Schon der Weg zum Brunnen ist zufriedenes Dasein, wie wir schon im „Kleinen Prinzen“ gelesen haben.

Besitzen wollen meint Macht haben wollen

Besitz bedeutet auch, Macht zu haben. Begehren und Gier haben oft mit Macht über jemanden oder etwas zu tun. Einen Menschen begehren kann dann bedeuten, ihn zu besitzen, ihn zur eigenen Befriedigung zu benutzen und sich sein Potential, mir meine Wünsche zu erfüllen, anzueignen. Ein Lehrer von mir sagte vor kurzem, er empfehle, wenn man sich (häufig) verliebe, sich und den anderen zu fragen: „Was hast Du, was ich nicht habe, aber haben will, weshalb ich mich dann in Dich verliebe?“
Eifersucht hat mit Begehren, Macht und Besitz zu tun.
Liebe, Freude oder Lust brauchen keine Macht, sondern werden durch Macht und Machtbeziehungen zerstört.

Der Unterschied zwischen Schmerz und Leiden

Die Buddhisten unterscheiden zwischen unvermeidbarem Schmerz und Leiden, das vermeidbar ist. Durst entspricht einem Schmerz, der unvermeidbar ist, Begehren einem Leiden. Schmerz ist unvermeidbar, das Leiden gibt es auf Verlangen dazu.

Wahrnehmen des Seins im Hier und Jetzt beendet Begehren

Ich kann fühlen, dass ein Ankommen im Hier und Jetzt der Gegenwart und ein Wahrnehmen des Daseins das Begehren stoppt. Oder andersherum: Begehren und Gier schaffen eine Distanz. Das kann eine Distanz zwischen verschiedenen Anteilen von mir sein, so dass ich nicht mehr „ganz“ oder „eins (mit mir)“ bin. Begehren entfernt mich von mir selbst. Begehren schafft auch eine Distanz zu den anderen Menschen, auch zu der oder dem Begehrten. Unter dem Begehren und der Gier finde ich Angst, der ich entkommen will. Der Kontakt mit der eigenen Lebendigkeit lässt mich dagegen einfach lebendig fühlen. Hier gibt es keine Trennung in Teile. Begehren entfernt mich von mir selbst. In der Lebendigkeit will ich nichts entkommen, sondern alles da sein lassen. Die Starre der Angst wird dann in Bewegung aufgelöst. Das fühlt sich friedlich und angekommen an.

(Das Wesen des Kapitalismus besteht interessanterweise darin, Begehren, Verlangen und Gier zu schaffen, um Produkte zu verkaufen. Das funktioniert deswegen so gut, weil jeder das auf Anhieb versteht.)

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