„Wir müssen der Entfremdung von der Natur entkommen, die die Zivilisation schafft“

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Vor kurzem habe ich diesen Satz in einem Buch gelesen. Darüber habe ich mit einer jungen Frau gechattet. Mir wurde klar, dass ich entweder einen längeren Text schreiben muss, oder ein Gespräch mit ihr führen sollte, um meine Gedanken zu verdeutlichen. Hier der Text, in dem ich mich von meinen Gedanken habe weg tragen lassen.

Liebe T.
Ich fasse mal ein paar der losen Enden, die ich im Chat vorgebracht habe, zusammen, um alles etwas verständlicher (??) zu machen.

Angst als Treiber der Entfremdung

Seit einigen Tausend Jahren entfremdet sich der Mensch von der Natur. In der patriarchalen Schöpfungsgeschichte der Bibel drückt sich das darin aus, dass (der männliche) Gott dem Menschen aufträgt, sich die (als weiblich aufgefasste) Erde untertan zu machen. Der Mensch will Macht über die Natur, er stellt sich über die Natur.

Den Grund dafür scheint mir in Angst zu liegen. Was ist das für eine Angst?

Natur als endloser Wandel

Mensch kann beobachten, wie sich eine Lebenskreislauf zeigt, in dem in einem endlosen Zirkel des Werdens und Vergehens Formen kommen und verschwinden. Aus dem Alten entsteht eine neue Form. Nur der Wandel ist beständig. Und dabei geht nichts verloren: kein Atom oder kleineres Teilchen verschwindet, keine Energie, nichts. Alles verwandelt sich ineinander.

Dem Wandel kann man sich völlig überlassen. Dann ist man ein Teil, ein Ausdruck der Natur oder des Ganzen und auch ein Ausdruck des Wandels. Du, T., bist ein Ausdruck des Wandels, den wir Natur nennen! Wenn man darin eintaucht, entsteht keine Angst.

Die Schaffung des Ich als Identität

Nun gehört zur Natur des Menschen auch das Bewusstsein, mit der Möglichkeit, den Erscheinungen und Wahrnehmungen eine Bedeutung zu geben. Du kannst zum Beispiel den Schallwellen die Bedeutung „T.“, also deinen Namen, geben. So lernst Du, vielen anderen Schallwellen mit einer Bedeutung zu versehen, Wörter zu hören, zu erkennen. Und so konnten deine Eltern in dir ein „Ich“ anregen, wenn nicht sogar schaffen: „Du bist T.!“ – „Ah, ich bin T.“ So entsteht Identität.

Was ist dieses „Ich“? Ist es nicht ein momentaner Ausdruck von andauernder Veränderung? Eine Ansammlung von vielfältigen Organismen in einer Symbiose, sogar mit unterschiedlichen Genen? Bakterien auf der Haut oder im Darm, ohne die der Organismus gar nicht leben könnte und Viren als Teil der vererbbaren DNA, das alles ist „Ich“!

Wir sagen: „Ich bin….“ oder „Ich habe…..“ und das Ich schafft sich so eine illusionäre Konstanz. „Ich bin jung“ sagst Du. So schaffst Du eine Identität. Jetzt, einige Sekunden später, was bist zu denn dann? Nicht mehr gleich jung. Bist Du also eine andere?

„Ich habe eine Persönlichkeit, Eigenschaften“ sagst Du. So wie eine Wohnung oder Fahrrad hast? Könntest Du sie mir geben – nicht das Fahrrad, sondern die Eigenschaft? Bist Du Dinge?

Sprache schafft und erhält das „Ich“

Über diese unsere Sprache wird das „Ich“ geschaffen und dann verbissen verteidigt. Denn das „Ich“ entpuppt sich als überaus empfindlich, wenn es angegriffen oder in Frage gestellt wird. „Du bist Weiß, Du bist Schwarz.“. Wenn so Dein Ich-Konzept gestützt wird – alles fein! Wenn es aber gefährdet und angegriffen wird („Du bist eine dumme Kuh!“)- Wut und Verletzung! Das Ich fühlt sich auf diese Weise desintegriert. Und kämpft um seine Integrität. „Nein, ich bin doch keine dumme Kuh!“ Und so erzählen wir uns und anderen Geschichten, eine nach der anderen, um uns unser „Ich“, seine Art, seine Kontinuität, seine schiere Existenz zu beweisen. So erschaffen wir es gleichzeitig wieder und wieder.

Mit dem „Ich“ kommt ein besonderes Leiden: „Wenn die anderen mich nicht als diese spezielle Person ansehen oder erkennen, bin ich enttäuscht, traurig und wütend.“ Wir nenne das auch Identität, wir identifizieren uns mit diesem Merkmalen, und dann weiter mit unserem „Besitz“: „Mein toller Freund!“ oder beim Parken: „Ich stehe da hinten“.

Die Bedrohung des „Ich“ wird bekämpft: Macht und Kontrolle

Der Grund aber für die oft massive Verteidigung des Ichs ist Angst: Angst, das Ich zu verlieren, damit auch die Identität zu verlieren, denn wir bin ich dann? No-Body? No-Thing?

Also, was setze ich gegen die Angst? Kontrolle, Macht! Das ist es, wie Menschen sich verhalten, wenn sie Angst haben. Angst vor Frauen? Lasst uns Macht über sie ausüben mit dem Patriarchat! Angst vor der Unberechenbarkeit und Wildheit des Natürlichen? Beherrschung der Natur! Angst vor Spontaneität? Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle, angstvolle Selbstbeobachtung und Selbstoptimierung!

Nun macht man aber unweigerlich die Erfahrung und es ist damit völlig klar: Kontrolle und Macht helfen nicht wirklich gegen Angst, sondern werden gegen immer neue Ängste hocheskaliert, wie in einem diktatorischen Regime. Nie war es sicherer in Deutschland zu leben als heute – und nie hatten die Menschen mehr Angst, wie z.B. vor Corona…..

Dieser Prozess von Macht und Kontrolle wir so zum Fundament der Entfremdung – und umgekehrt. Wir als gesamte Gesellschaft entfremden uns mehr und mehr von der Natur – und damit von uns selbst, den wir sind essentiell Natur. Dafür blasen wir das Ich auf, sonst wird es ja ganz leer in uns, so verloren.

Sich aufgehoben fühlen

Es liegt aber voll und ganz im Potenzial des Menschen, sich aufgehoben und verbunden zu fühlen – mit allem, mit der Natur, mit dem Leben. Nur gelingt das nicht mit Kontrolle, sondern mit dem Gegenstück dazu. Ich kann es Hingabe nennen, Einlassen, oder auch Liebe, Freiheit oder Verantwortung, alles, was sich nicht konditionieren lässt.

Meditation

Das Training, die Natur des „Ich“ zu sehen, nennt man Meditation. Wenn man es mal da und dort erfasst hat, zaghaft erst und dann immer mehr (manche vielleicht sogar auf einen Schlag, wer weiß….), durch Übung oder durch eine plötzliche Erkenntnis, ist die Welt ausgesprochen witzig anzuschauen! Der tiefe und leidvolle Ernst weicht einer sehr humorvollen Sicht auf die Welt.

Keine Angst vor dem Sterben

Und die Angst vor dem Sterben hört auch auf. Ich“ stirbt nämlich nicht, nur die Illusion dessen, was wir „Ich“ nennen hört auf. Dann kann man sehen, dass einfach geschieht, was geschieht, in einer endlosen Vernetzung von Koinzidenzen, in der keine Ursache oder Wirkung etwas oder alles bedingt. Dann kann man sehen, dass niemand etwas „aus dem Ich heraus“ macht, sondern einfach ständige und unvorhersehbare Veränderung sich ereignet.

Ich umarme Dich herzlich

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