Kann man eine psychedelische Erfahrung verstehen?

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Im letzten Beitrag habe ich bestimmte Qualitäten einer psychedelischen Erfahrung beschrieben. Wie aber kann man das ganze Erleben verstehen? Und wie führt es zu einer Veränderung?

Jenseits von Verstehen

Eine psychedelische Erfahrung entzieht sich zunächst dem Verstehen.

Eine Ausrede oder ein Totschlagargument? Nun ja, so ungewöhnlich ist das ja nicht, dass sich etwas dem Verstehen entzieht. Du kannst das gleiche von einem Orgasmus, oder – viel alltäglicher – von dem Geschmack von Lebkuchen sagen:
Lebkuchen will geschmeckt werden, und er kann nicht verstanden werden. Ein Orgasmus will gespürt werden, und er kann ebenfalls nicht verstanden werden.

In diesem Sinne kann man sagen: Leben ist jenseits von Verstehen. Wer das Leben verstehen will, aber es nicht spürbar lebt, lebt am eigentlichen vorbei.

Sprechen und Spüren

Wir haben natürlich Worte, um bestimmte Erfahrungen zu beschreiben. Wir können sie gut gebrauchen, und sie sind im Alltag in unserer Kommunikation sehr nützlich. Wenn ich hier von Lebkuchen spreche, dann weißt du wahrscheinlich sofort, was damit gemeint ist. Du hast Erinnerungen an Süße und Gewürze, die Du in abgeschwächter Form vielleicht sogar jetzt hervorrufen kannst.

Aber niemand kann bezweifeln, dass Sprechen und Benennen nicht das gleiche wie Spüren ist. Oder würdest Du das Sprechen von einem Orgasmus dem tatsächlichen Erleben gleichsetzen oder gar vorziehen? Schmeckt das Wort „Lebkuchen“ nach Lebkuchen?

Ein Erlebnis kann nicht durch Wort allein vermittelt werden

Eine psychedelische Erfahrung ist ein Erlebnis. Und dieses Erlebnis ist äußerst schwer zu beschreiben, weil es sich den gewohnten Formen entzieht. Man kann es vielleicht mit sich selbst vergleichen („So ein Gefühl hatte ich auch das letzte Mal“). Da aber die üblichen Formen, für die wir Worte haben, sprengt, ist es nahezu unsagbar. Immer, wenn man es aussprechen will, merkt man, dass die Wort fehlen. Worte sind ja auch eine Form, die starr ist, und werden dafür benutzt, die Welt als feste Form zu beschreiben. Das macht es ja auch so schwer, von einmal gesetzten Beschreibungen der Welt wieder abzurücken. Denn dann müsste ich ja eine vertraute Form aufgeben, mit der ich mich eingerichtet habe, um die Welt zu verstehen (nicht zu erkennen!).

Letztlich kann kann man auch bei einer psychedelischen Erfahrung nur hindeuten und einladen: „Sieh für Dich selbst, probiere es aus!“ Ganz wie beim Lebkuchen, den man probieren muss.

Staunen

Stelle Dir ein Kind vor, das gerade geboren wurde und nun das erste Mal mit bestimmten Sinnen die Welt wahrnimmt. Es sieht Licht in verschiedener Ausprägung. Dafür hat es keinen Begriff. Die Erfahrung kann es nicht einordnen oder gar verwörtern. Es hat dafür noch keinen Rahmen und keine Form, in die es etwas stecken oder pressen kann, um es zu verstehen.

Wenn das passiert, werden wir überwältigt. Es geschieht dann Staunen. Ich sehe mir die kleinen Kinder an, und entdecke im Gesicht das Staunen über die Erscheinungen und Wahrnehmungen. Das gilt für das, was es sieht, und für das, was es mit der Haut spürt, mit den Lippen und der Zunge schmeckt usw. Ein sehr altes Wort dafür wäre übrigens „Ehrfurcht“ oder im Englischen „Awe“ (das ist so schön lautmalerisch!).

Erkennen, nicht nur verstehen

Man kann das Spüren, das ich dem Verstehen gegenüberstelle, auch als Erkennen bezeichnen. Wenn ich einen Orgasmus erlebe, erkenne ich, was ist, auch ohne Benennung. Damit meine ich nicht nur, es wieder zu erkennen („Hatte ich schon mal…“), sondern ich meine eine Erfahrung, die ein inneres Begreifen, vielleicht ein sich selbst erkennen und ein mit sich dasein, die ein „so ist das“ einschließt. Es ist eine körperlich gefühlte und verankerte Erkenntnis, die sich den Worten entzieht (Es sei denn, ein Dichter weist malerisch darauf hin?).

So funktioniert ein Zen-Koan

So funktioniert auch ein Zen-Koan. Ein Koan ist eine kleine Geschichte, oder eine Frage, die so tut, als würde sie das Verstehen ansprechen. Sie kann aber nicht mit dem Verstand gelöst werden. Ein Koan kann nur mit dem Erkennen gelöst werden, manchmal ein Tun, ein Spüren, ein plötzliches Erfassen von „so ist das“.

Ein klassischer Koan ist die Frage: Wie klingt das Klatschen mit nur einer Hand? Der Verstand kann das nicht lösen. Aber die Antwort kann erkannt werden. Dabei löst sich die Spannung, die das verstehen Wollen auslöst, unmittelbar und sofort auf.

Der Zen-Meister gibt den Koan als ein Rätsel auf, damit der Meditationsschüler über das Verstehen hinausgeht, und selbst erkennt, und in dieser Erkenntnis unmittelbar präsent, da und lebendig ist, im Hier und Jetzt.

LSD und Psilocybin

Der Veränderungsprozess, der durch LSD oder Psilocybin – den gängigen Psychedelika in der aktuellen medizinischen Forschung, die auch noch MDMA, Meskalin und DMT beinhaltet – angestoßen wird, und der die Begründung für den therapeutischen Einsatz dieser Substanzen ist, hat meiner Meinung nach mit dieser Diskrepanz von Verstehen und Spüren zu tun.

Unter dem therapeutischen Einsatz von LSD wird die Möglichkeit, der Welt eine Form zu geben, sie einzuordnen und sie zu verstehen, durch die Substanz stark verändert. Die Möglichkeit, die Welt in starre Formen einzuteilen (und das Erleben dann in Worte, die auch Form sind, zu fassen) wird reduziert.

Es kommt zu einer Veränderung der Gehirnphysiologie, die viel mehr dem Zustand eines Neugeborenen entspricht. Ohne etwas zu verstehen oder verstehen zu müssen, kann die Welt gespürt werden. Die vorgegebene Denk- und Verständnis-Form, die uns auf ganz bestimmte Sichtweisen auf die Welt festlegt, wird durch LSD aufgelöst. So ist sie quasi verflüssigt und beweglich, und so wird die Möglichkeit geschaffen, etwas als neu zu erkennen, und womöglich eine neue Form zu schaffen. Das Gehirn ist vorübergehend in einem Zustand, in dem es völlig neue Verknüpfungen machen kann.

Der instabile ist der gesunde psychische Zustand

Der psychedelische Zustand ist ein ziemlich instabiler Zustand, den man auch als kreativ bezeichnen könnte. In diesem Prozess kann man sich vornehmen, welches Thema man angehen mag, und das man mit quasi neuen Augen sehen lernen könnte.

Normalerweise ordnen wir alles wieder in neue oder auch in alte Formen ein. Das ist der ganz normale Verstehensprozess, den wir durchlaufen. Eine neue Form kann aber gut mit Verhaltensänderungen und emotionalen Veränderungen im Alltag einher gehen. Und deswegen ist der psychedelische Prozess, in einem guten Setting und gut vorbereitet, therapeutisch wirksam.

Seelische Gesundheit ist in diesem Sinne nicht ein stabiler Zustand. Sehr stabile Zustände sind eher ungesund. So ist Suchtverhalten (oder sich Sorgen machen) ziemlich stabil, weil es dazu tendiert, mit immer gleichartigen Reaktionen auf vielfältige Erscheinungen im Alltag zu reagieren. Das gilt ja für viele psychische Symptome: immer gleiche Reaktionen führen zu immer gleichen unerwünschten emotionalen Zuständen, extrem stabil, hyperstabil.

Psychotherapie bedeutet: destabilisieren

Psychische Gesundung bedeutet nach meiner Meinung, die Stabilität zu mobilisieren, instabiler zu machen, dass mehr und unterschiedliche Reaktionsweisen entwickelt werden können. Dazu dienen im psychotherapeutischen Alltag ja auch die vielen unerwarteten Fragen, Provokationen, Umdeutungen und humorvollen Einwände: Sie alle dienen dazu, etwas allzu stabiles zu mobilisieren, damit sich etwas Neues ereignen kann.

Und so funktioniert wohl auch die Veränderung unter Psychedelika.