Psychotherapie ist Begegnung im Hier und Jetzt

(Lesedauer ca. 3 Minuten)

Kann Psychotherapie ohne Worte funktionieren? Was passiert im Raum ohne Sprache?

Ist Psychotherapie eine Redekur?

Wenn Menschen zu mir kommen, dann erwarten sie, sprechen zu können. Sie erwarten, dass ich ihnen zuhöre. Und ich soll etwas dazu sagen, das hilft.

Ich frage häufig während eines Gesprächs oder einer Gruppensitzung, was denn nun geholfen hat, z.B. in der Form: „Wie geht es Dir jetzt?“ Viele antworten, dass es gut getan hat, sich zu offenbaren. Es hat ihnen gut getan, dass ich und andere zugehört haben, mit Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Wenn es ein Gespräch gegeben hat, dann deuten sie oft einen Satz heraus, der besonders wichtig geworden ist. Dieser Satz hat sie bewegt, berührt, zum Nachdenken gebracht oder überrascht.

Quasi alles, was hier von Klienten kommentiert wird, bezieht sich auf Gesprochenes. Es hat sich also bereits ein Gedanke durchgesetzt, der jetzt eine sehr mächtige und wirksame Hypothese ist: Psychotherapie ist Sprechen und wirkt durch Reden – eine Redekur. S. Freud hat das bereits etabliert – und das war bahnbrechend.

Den Innenraum und die Begegnung mit anderen ohne Sprache erforschen

In meinen Gruppen – manchmal auch mit Einzelnen – erforschen wir gelegentlich (oder in einem Workshop auch ausführlicher) das, was passiert, wenn nicht mehr gesprochen wird. Das ist im Kontext der Redekurhypothese erst einmal überraschend.

Am leichtesten ist es noch, wenn es ein Thema zu erforschen gibt. Es taucht z.B. das Thema Geborgenheit auf. Dann können wir – statt darüber zu sprechen – miteinander untersuchen, was Geborgenheit ist, wie wir sie herstellen, wie wir sie vermeiden, wie sich das Gegenteil anfühlt. Wir könnten z.B. Plätze im Raum aufsuchen, wo wir alleine sind – ohne Geborgenheit? – oder jemanden umarmen, der auch da ist. Und hin spüren: fühlt sich das mehr oder weniger nach Geborgenheit an? Die vielen kleinen Unterschiede malen dann ein Bild der Geborgenheit.

Viel schwieriger ist es, wenn der Raum offener ist: Ich setzte mich jemandem gegenüber. Die einzige Aufforderung ist, zu spüren. Die Impulse wahr zu nehmen. Gefühle und Gedanken wahr zu nehmen. Da kann viel passieren: vielleicht entsteht eine Begegnung, vielleicht kommen starke Gefühle auf wie Wut oder Traurigkeit. Der Kopf schaltet sich ein mit vielen Fragen und Bewertungen.

Sprechen wird zum Verstecken genutzt

Jeder, der das nicht etwas geübt hat, fühlt sich stark überfordert. Er erstarrt vielleicht. Und fällt ins Sprechen! Das ist quasi unweigerlich der Fall. Zeigt das nicht, dass Sprechen zum Schutz eingesetzt wird? Wir finden im Sprechen offenbar Sicherheit. Dasein, sich bewegen und Fühlen ohne Sprache ist ziemlich unangenehm, bis man damit vertrauter geworden ist. Dann ist es plötzlich ganz anders: der Raum ohne Sprechen wird sehr reich. Genussvoll. Erwartungsfrei. Lebendig.

Ich kann hier oft erkennen, dass die Sprache weniger dazu da ist, sich mitzuteilen, sondern sich zu verstecken. Vermutlich gehört auch die wertende Qualität von Sprache dazu, sich zu verstecken. Und natürlich führt die Angst vor der Wertung in der Sprache der anderen dazu, sich zu verstecken.

Die Konfrontation mit dem Inneren kann mit Sprache gemindert werden. Auch der Kontakt mit dem Gegenüber kann durch Sprache gelockert werden. Das ist in Ordnung so. Es ist meist nicht bewusst. Wir geben uns der Illusion hin, Sprechen mache mehr Kontakt, auch wenn das Gegenteil der Fall ist.

Seelenvolles Sprechen

Manchmal geschieht seelenvolles Sprechen. Oft ist das nach solchen redefreien Einheiten der Fall. Sprache wird kostbarer. Der Raum der Begegnung mit sich und den anderen, der ohne Sprechen etabliert wurde, dehnt sich in den Sprachraum aus. Dann sind Wort sehr wertvoll. Meist werden dann nicht mehr viele Worte gemacht. Der Wortlärm ist verebbt. So entsteht Klarheit in der Sprache.

Psychotherapie ist eine Einladung mit dem da zu sein, was man in sich vorfindet

Psychotherapie, wie ich sie begreife, ist eine Einladung, mehr und mehr sich selbst da sein zu lassen. Sich selbst zu sehen. Das ist eine gute Voraussetzung, in einer Begegnung auch die andere/n zu sehen. Sich selbst da sein lassen bedeutet, alle Gefühle und innere Bewegungen da sein lassen, also sie zu sehen und wahr zu nehmen. Das bedeutet nicht, dass man sich jedem Gefühl oder Impuls unkontrolliert und augenblicklich überlässt. Es ganz in Ordnung, die Blase zu spüren und den Beckenboden erst in der Pause und auf der Toilette loszulassen…..

„Das was ist, ist sowieso da. Dann kann man auch hinschauen.“

Sondern es bedeutet, das was in einem ist, zu sehen. Das was da ist, ist sowieso da. Dann ist es besser hin zu schauen. Vielleicht ist das ganz schön schmerzhaft. Oder Scham darüber taucht auf. Hinsehen und den Widerstand gegen das, was man sieht, aufzuweichen, führt so wahnsinnig häufig dazu, dass sich die Symptome auflösen, dass ich es wieder und wieder vorschlage (Meine Patienten können ein Lied davon singen).

Wer seine Traurigkeit oder Wut oder was immer spürt und da sein lässt, der verliert seine Panikattacken oder Depression. Dann sind da Gefühle, mit denen man sich vielleicht auch vertraut machen muss. Wenn die schwierig sind, kann man ja auch wieder den Rückwärtsgang in die Symptome einschlagen und mit diesen Erfahrungen so lange hin und her spielen, bis man hier eine Richtung gefunden hat, die besser für einen funktioniert. Autonom und selbstverantwortlich.

Der sprachfreie Raum in der Psychotherapie kann das gut unterstützen. Das ist ganz schön herausfordernd. Ich finde es ausgesprochen spannend und macht mich neugierig.

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