Nein sagen – Grenzen setzen

(Lesedauer ca. 2 Minuten)

„Ein Nein zu Dir ist ein Ja zu mir!“

In einer Gruppentherapie haben wir neulich über „Nein sagen“ und „Grenzen setzen“ gesprochen. Vor vielen Jahren schon machten Patienten den Witz: „Ich habe einen Sprachfehler – ich kann nicht Nein sagen!“ In jeder 3. Zeitschrift am Bahnhofskiosk wird die Notwendigkeit betont, sich abgrenzen zu lernen, Nein sagen zu können.

Ein Nein kann zu Anspannung führen

Einige Teilnehmer sprachen darüber, wie sie sich gegen Eltern oder gegen Kinder abgrenzen müssen. Und wieviel Mühe und Anstrengung das Nein kostet. Wenn man – sogar in einem Gedankenexperiment – hin spürt, wie es sich anfühlt, sich gegen jemanden abgrenzen, sein Nein zu verteidigen, dann fühlt man vielleicht die Härte und Verspannung, die sich in einem selbst aufbaut. Wie man versteift, wie man starr wird. Das fühlt sich für keinen gut an, wie wir in der Gruppensitzung herausgefunden haben.

Ja sagen statt Nein sagen?

Etwas polarisierend habe ich behauptet, dass es vielleicht keinerlei Notwendigkeit gibt, Nein zu sagen. Es geht überhaupt nicht um Abgrenzung. Es geht darum, Ja zu sagen! Wie fühlt es sich an, wenn ich nicht mehr Nein sage, sondern zu dem, was ich will oder tue, Ja sage, bzw. es einfach sage oder mache? Wie fühlt es sich an, wenn ich nicht Nein zu meiner Mutter sage, die mir den Schinken aufdrängen will, sondern einfach nach dem Käse greife? Wenn ich zu einem Angebot, das ich nicht mag, ohne ein Nein auszusprechen, schlicht sage: Ich nehme lieber das?

Ein Ja kann sehr entspannt sein

In der Runde trat Entspannung ein. Es fühlt sich leicht und entspannt und kräftig an, zu sich zu stehen und aus dem eigenen Impuls heraus zu handeln oder zu wählen, ohne sich zuerst abzugrenzen oder zu wehren. Natürlich entspricht das der Abgrenzung und dem Nein sagen, worüber wir zuerst diskutierten, aber der Ablauf ist viel spielerischer, weicher und harmonischer. In einer Körperübung haben wir ausprobiert, wie es sich anfühlt, eine starre Grenze zu setzen, oder z.B. zur Seite auszuweichen. Wie schnell man sich im ersten Fall anspannt, oder wie tänzerisch es im anderen Fall ist.

Ein Experiment

Damit will ich nicht sagen, dass das Nein überflüssig ist. Es kann oft sinnvoll und notwendig sein. Es kann sich ebenfalls kräftig und lebendig anfühlen. Um jedoch auch die Leichtigkeit des Ja zu spüren, schlage ich als Experiment vor, eine (kurze) Zeitlang auf das Nein zu verzichten und zu dem, was man will, ja zu sagen, es also zu tun oder auszusprechen, ohne die Abgrenzung zu betonen. Und zu erleben, wie unterschiedlich sich das anfühlt. Ein anderes Experiment zum Ja und Nein findest Du hier.

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