Echtheit und Kontakt in der Psychotherapie

Fast alle suchen Echtheit – auch in Beziehungen, auch in therapeutischen Beziehungen. Gibt es Kontakt ohne Echtheit? Und kann man dafür bezahlen?

Echt oder imitiert?

„Das ist echtes Silber!“ Schon als Kinder haben wir die Bedeutung von Echtheit verstanden. Echt ist gleichbedeutend mit wertvoll. Wertvolles wird imitiert, aber das Imitat ist falsch und quasi wertlos. Vielleicht kann man es aber jemandem unterjubeln, der das nicht erkennt. Wenn der es dann für echt hält, dann ist er glücklich – bis er herausfindet, dass es falsch ist.

Ich habe vor vielen Jahren im Internet eine „Silberschale“ für – wie ich zuerst wähnte – wenig Geld erworben, und war glücklich damit, bis sie sich dann rasch als wertloses Hotelsilber herausstellte. Plötzlich war sie völlig überteuert. Ich habe sie nie gemocht. Dabei war es immer noch dieselbe Schale, die ich gekauft habe!

Für Echtheit in der Therapie bezahlen?

In der Psychotherapie ist das kein bisschen anders. Wer zu mir kommt, mag Echtheit erleben. Imitate von Echtem will keiner haben. Was ist in der Psychotherapie „echt“? Sind es die Techniken? Die Arbeitsmethoden? Oder ist es nicht doch das Gegenüber, der Therapeut selbst, der „echt“ ist?

Nun können wir uns vielleicht vorstellen, für eine Technik zu bezahlen: das ist wie die Gebühr für einen Kurs in „echtem Englisch“. Dafür bezahlen wir.

Aber können wir für ein „echtes“ Gegenüber, einen „echten“ Therapeuten bezahlen? Oder wird dann das, wofür bezahlt wird, ein Imitat bleiben, z.B. ein Imitat von Empathie, Verständnis oder Liebe? Denn der Therapeut „muss das ja machen“, z.B. Verständnis zeigen, „es ist ja seine Arbeit“! Und wird das Verständnis dann wertlos, wenn man herausfindet, dass der Therapeut es nur wegen seiner Arbeit gemacht hat, es also nur eine Fälschung war, gar nicht „echt“? Wird dann die therapeutische Beziehung wertlos?

Eine Beziehung lässt sich nicht imitieren

Mit die ersten Anwendungen von antwortenden Computern waren Imitate von therapeutischen Gesprächen. Dem Computer wurde beigebracht, auf bestimmte Schlüsselworte zu reagieren mit „und wie fühlt es sich für Dich an, xy zu erleben?“ oder einfach Sätze zu äußern wie „das ist interessant, erzähle mir mehr davon!“ Der Beruf des Psychotherapeuten hätte auf diese Weise in Kürze ersetzt werden sollen. Und wenn es nur um Techniken ginge, wäre es vielleicht sogar möglich, die Psychotherapie so zu organisieren.

Für mich ist das absurd. Je länger ich arbeite, desto mehr Abstand nehme ich von Techniken. Sie stehen mir gewissermaßen zur Verfügung durch lange Praxis und viel Studium verschiedener Schulen, aber sie sind nicht mehr die Hauptsache bei der Arbeit. Die Hauptsache ist mein Dasein. Als Mensch dasein. Mit dem dasein, der vor oder neben mir sitzt. Mit mir selbst da sein. Mit allen menschlichen Reaktionen. Erst dann entsteht der Kontakt, der eine Therapie zur Therapie macht.

Kontakt lässt sich nicht kaufen, sondern entsteht, wenn beide oder mehrere anwesend sind und sich nicht weg beamen

Ich glaube nicht, dass sich solch ein Kontakt kaufen lässt. Mit dem Bezahlen von Pornografie und Prostitution kann man sich auch keine Beziehung kaufen. Höchstens eine Illusion davon, und wer darauf hereinfällt oder das verwechselt, ist schon sehr zu bedauern. Solch einen Kontakt kann man auch nicht fordern und verlangen, auch nicht von mir, und auch nicht, wenn man dafür bezahlt, bei mir Sitzungen zu haben. Kontakt entsteht zwischen Menschen einfach so. Er kann nicht hergestellt werden, stellt sich aber ein, wenn keiner „weg“ ist, wenn keiner sich weg beamt. Wenn beide – oder mehrere – anwesend sind, da sind, und somit nichts dazwischen steht, dann gibt es Kontakt. Das kann man fühlen. Dieser Kontakt fühlt sich „echt“ an (was immer dieses Wort sonst bedeuten mag).

Wofür bezahlt dann der Klient?

Wofür bezahlt dann der Klient oder die Kasse, wenn er zu mir kommt?
Dafür, dass ich heize und den Raum vorbereitet habe. Für meinen Unterhalt und den meiner Familie, für die ich sorge. Als Ausgleich für die vielen Stunden, die ich in meine Aus- und Weiterbildung stecke und gesteckt habe. Auch für die Weitergabe von Techniken, wenn die gerade dran sind.

Wofür kann man nicht bezahlen?
Für das gemeinsame Lachen und Weinen, die spontane Freude, die spontane Berührung, den Kontakt auf allen möglichen Ebenen des Fühlens, das sich zwischen uns ausbreitende Leben.

All das entsteht spontan, und ohne all das wäre jede Therapie fruchtlos.