„Wunschlos glücklich?“ – Anspannung und körperliche Schmerzen

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Chronische Schmerzen haben oft eine psychosomatische Komponente, die sich mit andauernder Verspannung erklären lässt

Spontanes Wollen ist spannungsfrei

Wollen und Impulse entstehen spontan. Weder aufsteigende Impulse noch anschwellendes Wollen lassen sich kontrollieren. Nicht ihre Entstehung! Kontrolle können wir erst ausüben, wenn es um das Handeln geht. Ich kann nichts dagegen unternehmen, dass ich Schokolade essen will – ich muss es aber nicht unbedingt tun.

Wenn das Wollen, das spontan entsteht, frei fließen, also dasein darf, und dabei sogar noch wahrgenommen wird, kommt es in mir nicht zu einer Spannung. Mein System, meine Körper-Seele-Ganzheit bleibt spannungsfrei.

Mein Wollen kann auf eine Gelegenheit treffen und so in spannungsfreies Handeln übergehen: „Ich will Dich küssen!“ „Au ja, ich Dich auch!“. Der folgenden Kuss ist Ausdruck spannungsfreien Handelns. (Natürlich muss das nicht mit Worten ausgehandelt werden, es kann sich einfach spontan ergeben).

So entsteht Spannung

„Spannung ist immer gehemmtes Wollen“

Zensho W. Kopp (Die Freiheit des Zen)

Wenn mein Wollen nicht auf eine Gelegenheit trifft, sondern auf eine Nicht-Gelegenheit, z.B. beim Wunsch eines Kusses auf eine Ablehnung des Gegenübers („Ich will Dich küssen!“ „Ich will Dich aber überhaupt nicht küssen!“) entsteht Spannung und damit ein Problem nur, wenn Begehren, Verlangen oder fixierte Anhaftung einsetzt: „Ich will aber unbedingt, ich brauche das jetzt, ich habe ein Recht darauf!“

Spannung kommt mit Begehren („Ich brauche das unbedingt“), mit hemmenden Verboten wie moralischem Denken („Ich darf das nicht, es wäre nicht regelkonform“) oder anderen Gedanken, die im Konflikt stehen zum spontan entstehenden Wollen. Neben dem begehrlichen Denken ist natürlich Moral super beliebt zum Spannungsaufbau. Hier findet jeder seine eigenen Beispiele! Ein weiterer Renner, der nie aus der Mode gerät, ist auch die Valentin-Methode, in der Moral und Feigheit kombiniert werden:

„Mögen hätt ich schon wollen, nur dürfen hab ich mich nicht getraut“

Karl Valentin

Wenn mein Wunsch nach einem Kuss abgewiesen wird, und kein gedankliches Begehren einsetzt, dann bleibt es spannungsfrei.

Das glaubst Du nicht? Beobachte einmal ganz genau, was passiert – und dazu reicht ein Gedankenexperiment genau jetzt – wenn Dein Wunsch nach einem Kuss abgewiesen wird. Welche Gedanken in dir entstehen. ——— Und was wäre, wenn wenn du frei von solchen Gedanken sein könntest (was vermutlich kaum klappen kann, oder?) Ohne einen begehrlichen Gedanken – und der Schmerz der Abweisung ist nichts anderes als das! – gäbe es kein Problem. Es wäre einfach nicht zu einem Kuss gekommen.

Ich gehe dann damit genauso gelassen um, wie ich im Laden gelassen bleibe, der jetzt gerade keine Erdbeeren anbietet, auf die ich eben noch Lust hatte. Ich kaufe dann die Pflaumen, oder laufe zum Laden nebenan oder warte auf die Erdbeersaison nächstes Jahr – spannungsfrei im Umgang mit mehreren Möglichkeiten, die sich mir bieten.

So wie Spannung leicht durch „ich will aber“ (das aber ist der klare Hinweis auf den Konflikt, der hier entsteht) hervorgerufen werden kann, so kann sie auch durch „ich will aber nicht“ produziert werden. Begehren oder Ablehnen – das macht keinen Unterschied in Bezug auf entstehende Spannung. Gehemmtes Wollen und Festhalten am Wollen lassen Spannung gleichermaßen entstehen.

Wie kommt es zu Tennisarm und Rückenschmerzen?

Chronische Schmerzsyndrome in der Orthopädie haben oft ein ähnliches Entstehungsmuster. Eine Bewegung wird ausgeführt oder der Impuls dazu entsteht. Die Muskeln, die die Bewegung formen, werden Agonisten genannt. Damit Bewegungen auch wieder zurückgenommen werden können, haben wir an jedem Gelenk die sogenannten Antagonisten. So können wir ein Gelenk beugen und wieder strecken oder strecken und wieder beugen.

Jetzt kommt es häufiger dazu, dass eine Bewegung – z.B. wegen eines inneren Konfliktes, fehlenden Mutes, allgemeiner Anspannung oder bestimmter Emotionen – zwar mit dem Agonisten ausgeführt wird, aber gleichzeitig vom Antagonisten gehemmt wird. Dann entsteht im Gelenk Spannung. Diese Spannung kann kurzfristig folgenlos bleiben. Für kurzfristige Anspannungen ist unser Körper nämlich recht gut aufgestellt. Aber eine chronische Anspannung aber führt unweigerlich zu einem Schmerzsyndrom – vielleicht erst nach Jahren. Und nach noch längerer Zeit sieht man die Folgen sogar im Röntgenbild. Das sind Folgen des Syndroms, nicht die Schmerzursache, die wir „nun endlich gefunden haben“.

Wenn man etwa Holz spaltet und dabei fürchtet, sich zu verletzen, wird der Schlag durch Antagonisten abgedämpft. Die Kraft wirkt statt auf das Holz auf die Knochen und Sehnen ein. Das hält kein Gelenk lange durch – Schmerz kommt!

Oder der Geiger, der im Konflikt mit seinem Dirigenten steht, streicht seinen Bogen zwar über die Seiten, benutzt aber nicht nur die Kraft, die eigentlich zur Überwindung der Schwerkraft und für die Bewegung notwendig ist, sondern setzt auch noch die gegenläufigen Antagonisten ein, die der beabsichtigten Bewegung entgegenwirken. Das ist der körperliche Ausdruck des Konfliktes. Es führt dazu, dass der Bogen 10 kg schwer ist, oder zumindest die Muskeln die entsprechende Spannung aufbauen. Hier leiden eher früher als später die Schulter, der Ellenbogen, die Hand und sogar der Rücken.

Tennisarm durch Facharztprüfung

Ich erinnere mich, wie ich bei der Vorbereitung auf meine Facharztprüfung einen Tennisarm produzierte. Weil die Prüfung so wichtig war, und ich deswegen innerlich beim Lernen viel Spannung aufgebaut hatte, habe ich mein Psychopharmakologie-Buch, das etwa 300 g wog, festgehalten, als gelte es 20 kg zu packen. Nach einigen Monaten meldete sich mein Arm mit typischen Tennisarmbeschwerden und einer fetten Schwellung.

Anleitung zum Umgang mit einem Anspannungsschmerz

Die Lösung war einfach und brachte nach ein paar Wochen die vollständige Erholung: Ich legte das Buch auf den Schoß, statt es zu tragen. Mit viel Bewusstheit versuchte ich den kleinsten Kraftaufwand herauszufinden, mit dem ich das Buch festhalten könnte. Es sollten also nur die Agonisten arbeiten, während die Antagonisten vollständig entspannt blieben. Bis ich diese minimale Kraftanstrengung ermittelt hatte, fiel das Buch viele Male auf den Boden.

„Aber heißt das, dass ich jedem Impuls ungehemmt nachgehen soll? Wie ein Tier?“

Nein, das heißt es sicherlich nicht. Es bedeutet vielmehr, mit Impulsen, Wünschen und Wollen tänzerisch umzugehen. Nicht sie zu unterdrücken oder zu hemmen, und nicht sie zu verstetigen und zur inneren Beschäftigung mit begehrlichen Gedanken oder ablehnendem Grübeln zu machen.

Bambus und Wasser

Seit alters her werden der Bambus und das Wasser als Bilder gebraucht, um das zu illustrieren.

Wenn der Weg verbaut ist, fließt das Wasser ohne viel Federlesens darum herum und sucht sich eben einen neuen Weg. Es geht nicht in Widerstand: „Ach menno, wie gerne wäre ich jetzt da entlang geflossen, das ist jetzt aber richtig blöd…“

Der Bambus steht in der Regel aufrecht, aber wenn der Sturm kommt, geht er nicht in Anspannung, um den Winden standzuhalten: „Ich will jetzt aber aufrecht stehen bleiben!“ Er neigt sich mit dem Wind und tanzt so mit ihm.

Vielleicht können wir immer einmal wieder sehen, wie wir durch die hier beschriebenen Muster Spannungen produzieren. Und können so psychosomatische Schmerzsyndrome, die auf Spannung beruhen, bessern.

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