Konstruktion eines Dilemmas oder wie sich Paare trennen

(Lesedauer ca. 2 Minuten)

Neulich ist mir in einem Paar-Gespräch etwas klar geworden, was für viele Profis gar nicht neu ist, und mir nach einigen Tagen des Nachdenkens immer trivialer vorkommt: Was Paare oft auseinander bringt, ist nicht die fehlende Liebe zu einander, sondern die fehlende Liebe eines jeden zu sich selbst.

Ein Paar-Dilemma konstruieren

Man trennt sich vom Partner, wenn man sich selbst nicht leiden kann im Kontakt mit dem anderen. Das kann durch bestimmte Kommunikationsformen gefördert werden. Z.B. kann ich den anderen durch bestimmte Sätze in ein Dilemma führen: „Wenn Du das tust, was Du so sehr willst, dann wird mich das sehr schmerzen!“ Klingt doch bekannt, oder? Jeder findet etwas, was er hier einsetzen kann. Was ist die Folge? Wenn ich den Satz höre, dann muss ich mich entscheiden, ob ich selbst den Schmerz erleide, der damit zusammenhängt, dass ich mich selbst verrate. Oder andernfalls dem Geliebten einen Schmerz zufüge, was ich auch nicht will. Dieses Entweder-Oder kann schlicht unlösbar sein. Und es kann dazu führen, dass man sich im Kontakt mit dem anderen nicht mehr leiden kann, da man ja entweder sich selbst verrät oder den Geliebten verletzt. Der Endpunkt ist dann eine Trennung, um damit den gordischen Knoten zu zerschlagen und sich endlich wieder frei zu bewegen, ohne sich oder einen anderen zu verletzen. Das ist zwar auch leidvoll. Aber doch auch eine Lösung.

Noch ein Paar-Dilemma

Eine weitere Möglichkeit, ein Dilemma für den anderen zu produzieren, besteht in der Frage: „Dann liebst Du ihn/sie/dies also mehr als mich?“ (Setze hier andere Personen, die Du magst oder liebst, oder Lieblingstätigkeiten ein). Diese Frage ist nicht zu beantworten, ohne eine große Lähmung, Wut oder Traurigkeit zu produzieren. Und führt wieder zu dem gerade beschriebenen Dilemma des Entweder-Oder.

Es geht um Angst und Sicherheit

Sie ist natürlich gar nicht so schwer zu verstehen und nachzuvollziehen, diese Frage. Es geht ganz klar um Sicherheit und den Wunsch, etwas besonderes sein zu wollen für den anderen, um sich seiner oder ihrer sicher zu fühlen. Tragischerweise führt diese Frage aber nicht zum erwünschten Ergebnis – außer in den romantischen Schnulzen der TV-Shows natürlich. Die Songschreiber scheinen ja davon zu leben, die frische Liebe zu besingen. Was sie verschweigen, ist dass diese Frage („Liebst Du mich mehr alles andere?“) mit der Antwort („Ja, ich liebe Dich mehr als alles andere“) zum Ende der Beziehung führt. Aber ein frisches Ende der Liebe besingen sie ja auch gerne. Was auch nur am Bedarf des Publikums liegen kann, sonst würde ja keiner zuhören. So aber bestätigt sich beständig eine leidvolle Endlosschleife, aus der keiner auszusteigen vermag, der sich in diesem Denksystem befindet.

Mit Liebe hat diese Frage also nichts zu tun, sondern mit Angst und Kontrolle.

Der Umgang mit dem Dilemma

Und was kann man tun? Ich meine, das hilfreichste ist, das Dilemma anzusprechen, am besten zum Zeitpunkt der Entstehung. Dann kann man es betrachten. „Schau mal, die Art, wie wir jetzt miteinander sprechen, produziert ein Dilemma!“

Wenn sich die Partner das genau vor Augen führen, wird es normalerweise dazu führen, dass sich die Partner entscheiden, solche Dilemmata nicht herzustellen. Denn keiner der Partner will bei genauer Betrachtung dem jeweiligen anderen dieses Dilemma zumuten. Das führt zur Veränderung der eigenen Haltung.

Das kann aber ziemlich herausfordernd werden!

Und ziemlich befriedigend.

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