Der Therapeut – ein Clown?

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Ein weiterer Versuch zur Frage: Was wirkt in der Psychotherapie? Kann man Psychotherapie „machen“?

Gestern habe ich einen Therapietag mit einer Gruppe von Patienten und Klienten verbracht. Dieser Tag war weitgehend von einer Arbeitsform geprägt, die man meist nicht mit Psychotherapie verbindet: Wir haben fast den ganzen Tag geschwiegen.

Kommunikation ohne Worte

Schweigen meint hier, dass wir auf gesprochene oder geschriebene Worte verzichtet haben. Aber wir haben dennoch unglaublich viel miteinander kommuniziert. Sprache wird ja sowieso vor allem dazu benutzt, sich nicht zu zeigen. Oder wie der große Staatsmann Talleyrand es ausgedrückt hat: „Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen.“

Ohne Worte ist die Kommunikation körperlicher, direkter, weniger kontrollierbar. Die üblichen Muster, sich zu verstecken oder sich voll kontrolliert von einer besonderen Seite zu zeigen greifen nicht mehr so gut. Nicht dass es unmöglich wäre, sich zu verstecken, aber es ist doch schwieriger. Und es ist auch schwerer, die anderen in den eigenen Konzepten von ihnen zu fixieren, aus denen wir sie nur ungern entlassen, weil wir dann schon wieder umdenken und unser geliebtes bequemes Weltbild reformieren müssten.

Unser Rahmen ist eine Gruppe in einem Raum, in dem wir uns bewegen können. Niemand außer mir kennt die Namen oder Hintergründe der anderen. Das hilft, nicht gleich mit Konzepten zu reagieren: „Ah ja, der typische Lehrer!“ (Außer bei mir: „Ist ja klar, Michael verhält sich wieder wie ein eingefahrener Therapeut!“) Mit einer Rassel wird geklärt, wer „dran“ ist, also im Fokus steht: Wer rasselt, macht sich zum Thema. Alles, was dann im Raum passiert, hat mit diesem Teilnehmer und seinem Thema zu tun.

Veränderungen entstehen spielerisch

Dafür muss man nicht einmal wissen, was das Anliegen ist, wenn man die Rassel schüttelt. Es reicht, mit sich da zu sein. Andere reagieren darauf, und zwar auf vielfältigste Weise. Hierbei wird immer klarer, um welches Thema es sich handelt, und wir finden sehr spielerisch Veränderungen, die therapeutischen Lösungen entsprechen. Das gleiche passiert auch ohne Rassel, wenn es also keinen klaren Fokus gibt. Dann kommt es zu einer spielerischen spontanen Improvisation, die Teile der Gruppe oder auch alle zusammen gestalten.

Es braucht keinerlei Vorerfahrungen, um an einer solchen Gruppe teil zu nehmen. Am ehesten ist es vielleicht die Einstellung hiflreich, neugierig auf sich und die anderen zu sein. Am Ende kennt man sich besser, hat etwas von sich erfahren, hat einen Veränderungsimpuls entwickelt oder aufgegriffen und sehr viel Spaß dabei gehabt.

Dem inneren Fluss frei folgen

Ein wichtiges Element der gemeinsamen „Arbeit“ (es fühlt sich eher wie ein Spiel, wie ein Tanz an) besteht darin, „nichts zu machen und nichts weg zu machen“ – also Wuwei. Jeder achtet auf seine inneren Impulse und genehmigt sich, dem inneren Fluss frei nach zu gehen. So entsteht ein selten kreativer Prozess, der regelmäßig von Teilnehmern als „das tiefste und lebendigste, was ich seit langem oder überhaupt je erlebt habe“ beschrieben wird. Eigentlich geben sich Erwachsene hier dem ungezwungenen und freien Spiel hin, wie wir es als Kinder geliebt und mit großem Ernst betrieben haben. In der Gruppe hier mit einer Extra-Möglichkeit, sich selbst dabei auch noch bewusst zu erkennen. Dafür nutzen wir im letzten Viertel des Tages wieder die Sprache, die Bewusstsein und Begreifen ermöglicht, wenn wir über unsere Erfahrungen des Tages sprechen.

Der spontane Clown in mir

Was wirkt bei einer solchen Arbeit? Gestern habe ich mal wieder versucht genau hin zu sehen und zu erkennen, was denn die wirksame Substanz in einem solchen Prozess ist. Mir ist dabei aufgefallen, wie oft spontan ein Clown in mir entsteht, wenn ich auf die Teilnehmer reagiere. Ich imitiere zum Beispiel. Ich spiegele ihn, um mich einzufühlen. Manchmal fühle ich den Schmerz in mir, manchmal kommen mir die Tränen. Clowns lachen nicht nur. Oder es überkommt mich der Anti-Spiegel, und ich mache das glatte Gegenteil von dem, was ich sehe. Weil mir danach ist, nicht weil ich es plane und berechne.

Das kann so aussehen: Jemand hockt sich mit angezogenen Beinen und verschränkten Armen hin und schaut angestrengt auf den Boden. Ich mache das gleiche, neben ihm z.B., oder auch gegenüber.

Veränderungen kommen spontan aus dem Prozess ohne Plan und Blaupause

Und dann entstehen Veränderungen. In mir, im Gegenüber. Vielleicht übertreibe ich etwas, ich seufze laut, ich stöhne und schüttele die Beine aus, ich strecke oder dehne mich – was auch immer. Der andere kann davon nicht unberührt bleiben. Er sieht sich gespiegelt, muss vielleicht über die Übertreibung lachen und erkennt seine eigene Haltung als in gewisser Weise lustig und humorvoll an. Oder stolpert über spontane Impulse, die den gewohnten Rahmen sprengen, z.B. wenn ich bei Tränen statt eines Taschentuchs anbiete, in mein T-Shirt zu rotzen. Oder jemand versucht, seine Haltung – vielleicht in einer trotzigen Würde – soweit zu versteifen und zu verstärken, bis er merkt, dass das so nicht funktioniert oder er es nicht durchhalten kann. So oder so entstehen immer neue Gefühle und innere Zustände. Die Starre im eigenen Erleben, die das Leiden zumeist begründet, wird spontan aufgelöst.

Ein Tanz zwischen tiefster Ernsthaftigkeit und gelöster Fröhlichkeit

Ich habe keine Clownsausbildung. Aber ich kann feststellen, wie viel wir in solchen Prozessen lachen, wenn sich starre Muster in Übertreibungen auflösen. Ich kann beobachten, wie sich beim Imitieren spontane Veränderungen durch immer neue Einfälle ergeben und sich immer neue „Spiele“ entwickeln. Das entspricht inneren neuen Haltungen, die sich entfalten. Manche andere im Raum geben auch die Clowns. Ohne witzig sein zu wollen. Das würde wohl nicht funktionieren. Sie machen es spontan, aus dem inneren Impuls, der sich eben jetzt Bahn bricht. Das macht richtig Freude. Beim Tun und beim Zusehen. Die Stimmungen im Raum pendeln zwischen tiefster Ernsthaftigkeit und gelöster Fröhlichkeit.

Sich selbst erkennende Bewusstheit

Meinen Patienten erkläre ich oft so, wie Psychotherapie wirkt: Wenn ich etwas genau erkenne und verstehe, dann kann ich es nur beibehalten, wenn es stimmt und für mich richtig ist. Das ist wie mit dem eingeschlafenen Bein. Wenn ich es wahr nehme, verändere ich meine Haltung. Das muss mir niemand erklären, ich mache das ganz von selbst und spontan. Wenn ich es nicht wahr nehme, dann ändere ich auch nichts. Und wenn etwas stimmt, dann ändere ich es nicht. Es bleibt einfach.

Also geht es darum, zu sehen, wahr zu nehmen, was ich mache, wenn ich leide, wenn es mir schlecht geht, wenn ich depressiv, ängstlich oder sonst was bin. Sobald ich sehe und erkenne und verstehe, was und wie ich es mache, ändert es sich.

Der Clown an einem solchen Tag hilft, sich zu sehen und zu erkennen.

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